Nur wenige Wochen im Finanzkalender weisen eine solche Dichte an marktbewegenden Terminen auf wie die vergangene. In einem einzigen vorbörslichen Zeitfenster am Dienstag, dem 14. Juli, präsentierten mit JPMorgan Chase, Goldman Sachs, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo gleich fünf der größten US-Banken ihre Zahlen für das zweite Quartal. Flankiert wurden die Bilanzen von den mit Spannung erwarteten US-Verbraucherpreisdaten für Juni, während gleichzeitig der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh zu seiner ersten Anhörung vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses (House Financial Services Committee) antrat. Die Ergebnisse fielen auf breiter Front überraschend stark aus. Die Aktien von Goldman Sachs schossen nach einer deutlichen Gewinnüberraschung um 9 % nach oben, während JPMorgan und die Bank of America jeweils um mehr als 2 % zulegten. Mindestens ebenso wichtig: Die US-Teuerungsrate für Juni kühlte sich deutlicher ab als prognostiziert. Der Preisdruck sank im Monatsvergleich saisonbereinigt um 0,4 %, wodurch die Jahresrate auf 3,5 % zurückging – der Markt-Konsens hatte zuvor bei 3,8 % gelegen. Auch die Kerninflation blieb mit 2,6 % hinter den Befürchtungen zurück. Die Reaktion an den Börsen fiel kontrolliert optimistisch aus: Der S&P 500 ging mit einem Plus von 0,38 % bei 7.543,59 Punkten aus dem Handel, während der Nasdaq Composite um 0,9 % auf 26.107,01 Zähler vorstieß. Nach nervösen und von geopolitischen Spannungen im Nahen Osten geprägten Vorwochen erhielten die Bullen damit endlich wieder frisches Futter.
Doch trotz aller Erleichterung über die rückläufige Inflation und die starken Bankenbilanzen verharrt der Markt in einer zähen Hängepartie: Die Kurse präsentieren sich zwar widerstandsfähig genug, um eine größere Korrektur zu verhindern, das Aufwärtspotenzial bleibt jedoch gedeckelt, solange die US-Notenbank keinerlei Anstalten macht, von ihrem geldpolitischen Straffungskurs abzuweichen. In dieser Analyse untersuchen wir das Kräftemessen dieser beiden Hauptfaktoren und beleuchten, wohin sich die Wall Street vor diesem Hintergrund mittelfristig bewegen dürfte.
Die Earnings laufen besser als gedacht
Das Ausmaß der starken Unternehmensleistung im zweiten Quartal lässt sich kaum überschätzen. Laut Daten des Analysedienstes FactSet steuern die Konzerne im S&P 500 im zweiten Quartal 2026 im Schnitt auf ein Gewinnwachstum von 23,6 % im Jahresvergleich zu. Bestätigt sich dieser Trend, wäre dies das zweite Quartal in Folge mit einer Zuwachsrate von über 20 %. Bemerkenswert ist zudem, dass die Analysten ihre Schätzungen für das abgelaufene Quartal während des laufenden Vierteljahres um 3,4 % nach oben schraubten – und damit das historische Muster der letzten zwei Jahrzehnte durchbrachen, das im Schnitt von Abwärtskorrekturen von rund 4 % geprägt war. Auch die Breite dieser Outperformance ist beeindruckend. JPMorgan lieferte einen spektakulären Gewinn je Aktie (EPS) von 6,14 $ ab (Erwartung: 5,85 $) bei einem Umsatz von 58,02 Milliarden $ (Erwartung: 50,19 Milliarden $). Die Bank of America übertraf mit einem Umsatz in Höhe von 31,7 Milliarden $ ebenfalls die Schätzungen, angetrieben von einem massiven Anstieg der Investmentbanking-Gebühren um 50 % im Jahresvergleich. Als unerwarteter Wachstumsmotor erwies sich zudem der Energiesektor: Die Gewinnschätzungen für diesen Sektor explodierten von zunächst prognostizierten 48 % Wachstum im Jahresvergleich zu Beginn des Quartals auf spektakuläre 123 % per Ende Juni – eine direkte Folge der hohen Rohölpreise im Zuge der Eskalation des Iran-Konflikts. Selbst die Halbleitertitel, die nach dem heftigen, von Broadcom ausgelösten Juni-Ausverkauf noch ihre Wunden leckten, fanden in dieser Woche wieder festen Boden unter den Füßen. Der VanEck Semiconductor ETF verbuchte am Dienstag ein Plus von 2,5 %, während AMD und Intel nach starken Konjunktursignalen des Branchenausrüsters ASML jeweils um 2 % nach oben kletterten. Das fundamentale Gewicht dieser Gewinndynamik ist greifbar: Wie ein Marktanalyst treffend bemerkte, bildet es die wesentliche Stütze der diesjährigen Performance des S&P 500. Die durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) sind seit Jahresbeginn tatsächlich um 13 % geschrumpft, während die Reingewinne um 20 % zulegten. Hier von einer spekulativen Blase zu sprechen, geht an der Realität vorbei; vielmehr wird dieser Markt ungeachtet des geldpolitischen Gegenwinds solide von seinen harten Fundamentaldaten getragen.
Der Fed-Joker als Unsicherheitsfaktor
Der entscheidende Wermutstropfen – und dieser wiegt schwer – bleibt das ungelöste Tauziehen zwischen starker Gewinndynamik und restriktiver Geldpolitik. Und bei diesem könnte Letztere am Ende den längeren Hebel ansetzen. Neun der achtzehn stimmberechtigten FOMC-Mitglieder signalisierten auf der Juni-Sitzung, dass sie bis zum Jahresende mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung rechnen, was den Median der Zinsprognose von 3,4 % im März auf nun 3,8 % nach oben katapultierte. Die jüngsten, unerwartet milden US-Inflationsdaten sorgten zwar kurzzeitig für Aufatmen: Die implizite Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung auf der anstehenden Federal-Reserve-Sitzung am 29. Juli sackte postwendend von 33,1 % in der Vorwoche auf 25,1 % ab. Dieser Rückgang könnte sich jedoch als vorübergehendes Strohfeuer erweisen. Die Zins-Futures am US-Anleihemarkt preisen eine Anhebung um 25 Basispunkte bereits für Oktober ein, ein zweiter Zinsschritt nach oben zeichnet sich im April 2027 ab.
Sollte sich dieser Pfad bewahrheiten, würde dies die Risikoprämie von Aktienanlagen auf dem aktuellen Bewertungsniveau empfindlich schmälern. Erschwerend kommt die Unberechenbarkeit des neuen Notenbankchefs Kevin Warsh hinzu. Er hat mit der bewährten Tradition der verbalen Zinssignalisierung (Forward Guidance) gebrochen, weshalb die Akteure an den Märkten seine Absichten mühsam aus vagen Andeutungen herauslesen müssen. Auf dem EZB-Forum im portugiesischen Sintra Anfang Juli gab er sich mit den Worten „Wir sehen, dass die Preise zu hoch sind“ gewohnt kryptisch und verweigerte den Märkten jegliche Orientierungshilfe. Zwar untermauerten kurz darauf auch die unter den Erwartungen gebliebenen US-Erzeugerpreise für Juni das Bild einer abkühlenden Inflation und nahmen etwas Druck von den kurzfristigen Zinsängsten. Doch da die Angriffe auf den Iran erneut aufflammen und die Rohölnotierungen wieder anziehen, könnte sich diese Erleichterung schnell verflüchtigen. Die Berichtssaison an der Wall Street nimmt erst jetzt so richtig Fahrt auf, die wegweisenden Zahlen der Tech-Giganten aus den „Magnificent Seven“ stehen noch aus. Auch wenn Aktien heute fundamental solider dastehen als noch vor 14 Tagen, schwebt die Fed-Entscheidung am 29. Juli wie ein Damoklesschwert über den Märkten. Bis Warsh seine Karten auf den Tisch legt, bleibt der Deckel für die US-Börsen frustrierend dicht.
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