Gold – eigentlich die Anlageklasse, die für Zurückhaltung und Stabilität stehen sollte – hat sich in letzter Zeit zum Lieblingsinstrument von Spekulanten entwickelt. In den vergangenen zwölf Monaten hat das gelbe Metall um mehr als 80 % zugelegt – rund 50 % davon allein in den letzten sechs Monaten. Zum Vergleich: In den letzten fünf Jahren lag das Plus insgesamt bei „nur“ 200 % – und in diese Zeit fielen ein weltweiter Wirtschaftsstillstand und mehrere Konflikteskalationen. Silber, der weniger glamouröse „Verwandte“ von Gold, schnitt sogar noch besser ab und legte allein in den letzten zwölf Monaten um 189 % zu. Offenbar erleben wir eine breite Abkehr von Fiatwährungen zugunsten realer Vermögenswerte – angesichts des globalen makroökonomischen und geopolitischen Umfelds wenig überraschend.
Neben Europa hat sich auch der Nahe Osten zu einem zentralen Krisenherd entwickelt – mit wachsenden Spannungen zwischen den USA, Israel und dem Iran. Auch der Handelskonflikt mit China ist noch lange nicht beigelegt, und Zölle bleiben eine ständige Bedrohung. Dazu kommen sinkende reale Renditen bei zahlreichen in US-Dollar denominierten festverzinslichen Anlagen, beschleunigte Käufe durch Zentralbanken sowie die Erwartung einer neuen Zinssenkungsrunde unter Trumps neuem Fed-Chef Kevin Warsh – kein Wunder also, dass Edelmetalle gefragt sind. In diesem Artikel erörtern wir diese Schlüsselfaktoren und weitere Aspekte und versuchen, den möglichen Kurs von Gold und Silber bis in die zweite Hälfte des Jahres 2026 einzuordnen.
Eine unsichere Welt
Es ist kein Geheimnis, dass die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran – insbesondere zu Nuklearfragen und der allgemeinen Sicherheit im Nahen Osten – kaum Aussicht auf dauerhafte Vereinbarungen bieten; die Risikowahrnehmung bleibt entsprechend hoch. Jüngste Phasen diplomatischer Reibungen und militärischer Machtdemonstrationen – darunter Truppenbewegungen und Marineaktivitäten in der Nähe strategischer Nadelöhre wie der Straße von Hormus – haben die Nervosität an den Märkten verstärkt und die Flucht in sichere Häfen noch deutlicher gemacht. Angesichts des jüngsten Venezuela-Beispiels, das vielen Anlegern noch präsent ist, ist das Risiko real, dass Trump tatsächlich versucht, in den Iran einzumarschieren. Die Folgen dürften jedoch deutlich gravierender ausfallen, da die Islamischen Revolutionsgarden sowohl in der Lage als auch bereit sein könnten, im Zuge einer Vergeltung die Ölproduktionskapazitäten der Region zu zerstören.
Das würde die Aktienmärkte in Mitleidenschaft ziehen und sichere Häfen zur einzigen wirklich tragfähigen Anlageoption machen. Einige Analysten meinen, dass Gold bei einer weiteren Eskalation des Konflikts (über die diplomatische Pattsituation hinaus) einen zusätzlichen Risikoaufschlag erhalten könnte – potenziell 15 % oder mehr –, wenn die risikoscheue Nachfrage sprunghaft anzieht. Schon bald soll eine sechste Runde formeller Handelsgespräche zwischen China und den USA stattfinden – mit Fokus auf Zölle sowie der Verlängerung oder Anpassung früherer Abkommen. Zu den Kernthemen zählen die Überleitung bzw. Verlängerung früherer kurzfristiger Zollwaffenruhen, mögliche Anpassungen der Exportregeln für Seltene Erden sowie die Frage, wie beide Seiten Beschränkungen oder Gegenmaßnahmen lockern könnten. Gibt es echte Fortschritte, dürfte das die Märkte beruhigen und wahrscheinlich zu einer Abkühlung bei Edelmetallen führen. Trump ist jedoch für unberechenbare Auftritte bekannt und könnte jederzeit schärfere Strafmaßnahmen beschließen – was wiederum zusätzliche Goldkäufe auslösen könnte. In diesem insgesamt von größerer Unsicherheit geprägten Umfeld suchen viele Anleger nach etwas Greifbarem und Sicherem – und wenn es zugleich wie zuletzt Gold hohe Zuwächse bietet, wird sich dieser Makrotrend nicht so schnell auflösen.
Verhaltener Handel
Die Schwäche des US-Dollars wird immer deutlicher spürbar. Er hat gegenüber seinen wichtigsten Wettbewerbern inzwischen mehr als 10 % verloren und zeigt kaum Anzeichen, diesen Rückstand aufzuholen – in einem Umfeld, in dem die realen Renditen aufgrund hartnäckiger Inflation und einer lockereren Wirtschaftspolitik weiter sinken. Die US-Schuldenquote (Schulden im Verhältnis zum BIP) liegt inzwischen deutlich über 120 % und steigt weiter – daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in die Weltreservewährung schwindet. Dieser Trend wird zusätzlich durch die gezielte Instrumentalisierung des Dollars als Waffe verstärkt, was viele blockfreie Länder dazu veranlasst, in andere Währungen wie den RMB und natürlich in Edelmetalle zu diversifizieren. Seit 2020 befinden sich Zentralbanken weltweit auf einer Goldkaufwelle und erwarben 2025 zusammen rund 863 Tonnen – einer der höchsten Jahreswerte, die je verzeichnet wurden. Die chinesische Zentralbank (People’s Bank of China) kauft seit 15 Monaten in Folge kontinuierlich zu, während die Türkei allein im vergangenen Jahr rund 74,8 Tonnen hinzugefügt hat. Der größte Einzelkäufer war jedoch Polen mit Käufen von über 100 Tonnen.
Dass ausgerechnet ein vermeintlicher US-Verbündeter der aggressivste Goldkäufer ist, zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber dem Dollar inzwischen reicht – und die zyklische Wechselwirkung zwischen steigenden Goldpreisen und einem sinkenden nominalen USD-Wert macht diesen Trend nur schwer umkehrbar. Berücksichtigt man zudem die starken Erwartungen an eine noch lockerere Geldpolitik unter Trumps Fed-Vorsitzendem Kevin Warsh, ist eine Erholung des Greenback auf kurze bis mittlere Sicht schwer vorstellbar. Nach den jüngsten FOMC-Protokollen sieht das FedWatch-Tool der CME für Juni nur noch eine 50%ige Wahrscheinlichkeit für eine Senkung um 25 Basispunkte, nachdem viele Fed-Vertreter signalisiert hatten, die Zinssenkungspause verlängern zu wollen. Trump hat jedoch klar gemacht, was er von seinem neuen Mann an der Fed erwartet – und es spricht einiges dafür, dass die Zinssenkungen eher früher als später kommen müssen. Das dürfte die Inflation wiederum länger hoch halten und die Anleiherenditen weiter drücken – und damit die Goldnachfrage stützen.
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