Es war eine Woche der scharfen Gegensätze an Europas großen Aktienmärkten, und die heutige Eröffnung (22. Oktober) hat die Kluft noch vertieft. Gestern zeichnete sich zunächst eine solide Erholung ab: Der Euro Stoxx 50 schloss 1,5 % höher bei 6.213 Punkten, der DAX legte 1,35 % auf 25.645 Punkte zu und der CAC 40 gewann 1,06 % auf 7.922 Punkte. Zur heutigen Eröffnung schmolzen diese Gewinne jedoch deutlich zusammen: Der CAC 40 fiel um 1,4 %, der DAX verlor 1,0 % und der FTSE 100 gab 0,5 % nach, weil die Sorgen um Frankreichs Staatsfinanzen und die Turbulenzen am Anleihemarkt wieder aufflammten. Der FTSE 100 hinkte den wichtigsten EU-Indizes in dieser Woche am deutlichsten hinterher. Belastet wurde er von der britischen Inflation, die im September mit 3,5 % höher ausfiel als erwartet und die Bank of England dazu veranlasste, ihren Zeitplan für Zinssenkungen zu strecken. Seit Jahresbeginn könnte das Bild in Europa kaum uneinheitlicher sein: Der DAX liegt solide 4,5 % über seinem Eröffnungsstand vom Januar, und Mailands FTSE MIB ist mit einem Plus von 14,3 % der Spitzenreiter des Kontinents. Der CAC 40 dagegen notiert seit Jahresbeginn rund 2,8 % im Minus. Das ist eine der schwächsten Entwicklungen unter den großen Indizes weltweit, und die Gründe dafür lassen sich immer schwerer auf vorübergehende Faktoren zurückführen. Gleichzeitig hält der straffe Kurs der Fed in den USA die Anleiherenditen weltweit hoch und drückt überall die Risikoprämien von Aktien.
Insgesamt prägen zwei strukturelle Themen das Geschehen an Europas Aktienmärkten, während das vierte Quartal richtig in Fahrt kommt. Das erste ist die uneinheitliche, in Teilen aber ermutigende Berichtssaison, die Anlegern echte Lichtblicke für ihre Trades bietet. Das zweite ist die schwelende Haushaltskrise in Frankreich, die zum größten politischen und finanziellen Unsicherheitsfaktor der Eurozone seit 2012 zu werden droht.
SAP, ASML und die Rotation in Technologiewerte
Trotz der allgegenwärtigen geopolitischen Unsicherheit und der Schwankungen am Anleihemarkt fällt Europas Berichtssaison zum dritten Quartal besser aus, als viele befürchtet hatten. SAP, das größte Schwergewicht im DAX und Europas wertvollstes Technologieunternehmen, zog den deutschen Leitindex gestern (21. Oktober) schon vor Vorlage der eigenen Quartalszahlen mit einem Plus von 3,5 % nach oben. Inzwischen ist klar, warum der Markt die Zahlen so gespannt erwartet hatte: SAP meldete für das dritte Quartal einen Umsatz von 10,3 Mrd. € und lag damit deutlich über dem Konsens. Das Cloud-Geschäft ist zum Motor des gesamten Konzerns geworden und wächst weiter schneller als Analysten prognostiziert hatten. Der Einsatz von KI in Unternehmen treibt die Nachfrage nach SAPs ERP-Infrastruktur in einem Tempo, mit dem das Unternehmen selbst offenbar kaum Schritt halten kann. ASML, der niederländische Halbleiter- und Lithografie-Riese, ohne dessen Anlagen praktisch kein moderner Chip der Welt entsteht, sorgte mit einer starken Umsatzprognose für das vierte Quartal für den zweiten großen positiven Impuls der Woche. Das hob auch die Halbleiterwerte in ganz Europa, darunter ASM International (+1,5 %), BE Semiconductor (+0,8 %) und Infineon Technologies (+1,6 %). Die spektakulärste Einzelbewegung der Woche lieferte EssilorLuxottica: Die Aktie des Ray-Ban-Eigentümers schoss am Dienstag um 15,5 % nach oben, nachdem das Unternehmen für das dritte Quartal einen Umsatz über den Erwartungen gemeldet hatte. Airbus legte im Wochenverlauf knapp 2,7 % zu, Siemens Energy 2,5 %. Siemens Energy profitierte dabei von der weiter stark steigenden Nachfrage nach Strominfrastruktur, die der Ausbau von KI-Rechenzentren in ganz Europa antreibt. Die einzige nennenswerte Ausnahme der Tech-Rallye war Rheinmetall. Die Aktie fiel in der Sitzung am Mittwoch (21. Oktober) um 3,2 % und setzte damit eine schwierige Phase für europäische Rüstungswerte fort. Diese haben inzwischen einen spürbaren Teil ihrer außergewöhnlichen Gewinne aus dem Jahr 2025 wieder abgegeben. Für den DAX und Mailand bildet die Berichtssaison eine echte Grundlage für vorsichtigen Optimismus. Ein Analyst gab jedoch zu bedenken: „Die hartnäckige Inflation in Deutschland, hohe Energiepreise und eine mögliche weitere Zinserhöhung der EZB bedeuten, dass die Rallye ausschließlich davon abhängt, ob die Unternehmen liefern.“ Tatsächlich wird der Spielraum der EZB zusätzlich durch den Kurs der US-Notenbank Fed eingeschränkt. Das CME FedWatch Tool weist inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 86 % für eine Zinserhöhung der Fed im Dezember aus. Damit stehen Europas Notenbanker vor einer unbequemen Realität: Jeder Schwenk hin zu einer lockereren Geldpolitik würde den Zinsabstand zu den USA vergrößern, den Euro schwächen und Inflation importieren. Damit würde die angestrebte Lockerung letztlich wieder zunichtegemacht.
Brennpunkt Frankreich
Das Thema, das in dieser Woche die Handelsdesks in Europa über alle Anlageklassen hinweg beherrscht hat, ist nicht die Berichtssaison, sondern Frankreich. Konkret geht es um das Zusammenspiel aus sich verschlechternden Staatsfinanzen und sozialen Unruhen. Es hat den Renditeabstand zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Staatsanleihen erstmals seit der Euro-Schuldenkrise auf über 160 Basispunkte getrieben. Die Rendite zehnjähriger französischer OATs erreichte heute Morgen kurzzeitig sogar 5 %, zum ersten Mal seit 2002. Analysten zufolge wünschen sich die Geldgeber einen glaubwürdigen Plan zur Haushaltskonsolidierung, der Frankreich vor einer Schuldenspirale bewahrt. Denn schwaches Wachstum und ein dauerhaft hohes Defizit im Verhältnis zum BIP treiben die Anleiherenditen nach oben. Das erhöht die Zinslast des Staates und vergrößert das Defizit weiter, was die Finanzierungskosten noch stärker steigen lassen könnte. Frankreichs Haushaltsdefizit liegt derzeit bei rund 5,4 % des BIP und damit deutlich über der EU-Obergrenze von 3 %. Die Minderheitsregierung von Premierminister Sébastien Lecornu tut sich schwer, im Parlament überhaupt eine Mehrheit für den Haushalt 2027 zu finden. Für die Strukturreformen, die internationalen Investoren Vertrauen in einen glaubwürdigen Konsolidierungspfad geben würden, ist eine Mehrheit noch weniger in Sicht. Verstärkt wird die Unsicherheit durch weit verbreitete Unruhen in mehreren französischen Großstädten. Der CAC 40 fiel am Montag (19. Oktober) um mehr als 1 %, bevor er sich dank der oben genannten starken Quartalszahlen teilweise erholte. EZB-Präsidentin Lagarde trat Spekulationen entgegen, Frankfurt könne sein Transmission Protection Instrument aktivieren, um die französischen Finanzierungskosten zu drücken. Damit machte sie deutlich, dass Anleger für französische OATs weiterhin eine erhöhte Risikoprämie einpreisen müssen. Sharon Bell, Senior European Equity Strategist bei Goldman Sachs, sagte gegenüber CNBC: „Einer der Gründe, warum sich die Spreads zwischen OATs und Bundesanleihen nicht einengen, ist, dass Anleger skeptisch sind, ob es überhaupt zu einer Haushaltskonsolidierung kommt.“ Bevor ein Eingreifen wahrscheinlich werde, komme es zudem zu einem „gewaltigen Kräftemessen zwischen dem Sieger der nächsten Wahl“ und der EZB. Für Anleger in europäischen Aktien schafft die Lage in Frankreich eine unangenehme und sehr spezielle Asymmetrie. Die EZB könnte mit Zinssenkungen europäischen Aktien breiten Rückenwind verschaffen, gerade jetzt, da die Fed weitgehend auf straffem Kurs bleibt und die Bewertungen in den USA hoch sind. Dieser Spielraum wird jedoch durch eine Inflationslage eingeengt, die sich noch nicht vollständig entspannt hat. Gleichzeitig muss die EZB jeden Schritt vermeiden, der wie eine Rettung für die fehlende Haushaltsdisziplin von Paris aussehen könnte. Die EZB-Sitzung im Dezember und die vorgelagerte Abstimmung über den französischen Haushalt im November sind die beiden Ereignisse, die die Risikoprämie europäischer Aktien derzeit am stärksten bestimmen werden. Bei beiden ist die Bandbreite möglicher Ergebnisse enorm.
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